Mit der Zeit lernt ihr, die guten von den schlechten Ausschreibungen zu unterscheiden. Am Anfang scheint das fast unmöglich zu sein, aber ich kann hier aus eigener Erfahrung sprechen: Inzwischen habe ich einen Riecher dafür, welche Ausschreibungen es überhaupt wert sind, eine Bewerbung zu schreiben und meinen CV zu schicken. So wird es auch euch früher oder später gehen. Damit es eher früher der Fall ist, möchte ich euch an dieser Stelle ein paar wertvolle Tipps mit auf den Weg geben, die mir am Anfang meiner Karriere sehr geholfen hätten.

Zeit sparen: Diese Bewerbungen lohnen sich nicht

Gerade als Solo-Selbständiger werdet ihr sehr schnell feststellen, dass der Spruch “Zeit ist Geld” wahr ist. Auch wenn ihr noch ganz am Anfang eurer Karriere steht, ist Zeit euer wertvollstes Gut. Zeit könnt ihr in bereits arrangierte Aufträge investieren, für die ihr dann natürlich entlohnt werdet. Ihr könnt Zeit, die ihr nicht mit Aufträgen verbringt, aber auch in Fortbildungen stecken, die euch (hoffentlich) über kurz oder lang einen Marktvorteil gegenüber der Konkurrenz bieten. Oder ihr könnt diese Zeit in Werbung investieren.

Dazu gehört je nach Ausrichtung, Fachgebiet & Co. natürlich auch, regelmäßig die gängigen Ausschreibungsplattformen zu sichten und zu sehen, ob ein geeigneter Auftrag dabei ist. Denn gerade in der Anfangsphase, aber auch später, werdet ihr merken: Es kann richtig harte Arbeit sein, neue Aufträge an Land zu ziehen und sich Kunden aufzubauen.

Natürlich schaut ihr wahrscheinlich schon nur nach Ausschreibungen, die eurem Profil entsprechen. Aber auch da kann man auf die Nase fallen und es gilt, die Spreu vom Weizen zu trennen. Viel Zeit versenkt ihr sonst in Bewerbungen, die euch weder finanziell noch erfahrungsmäßig voranbringen. Um eine Chance bei einer Ausschreibung zu haben, will man der Bewerbung ja doch eine persönliche Note geben und direkt auf die jeweilige Ausschreibung antworten. Wo ihr euren CV standardmäßig mitschicken könnt, ist es hier mit einem einheitlichen Text schließlilch nicht getan.

Lest euch Ausschreibungen also genau durch und entwickelt ein Gefühl dafür, welche gut und welche schlecht klingen. Um euch dabei zu unterstützten, habe ich in diesem Artikel einige Phrasen gesammelt, bei denen ich immer hellhörig werde – und meist Abstand von einer Bewerbung nehme, denn am Ende würde ich mich doch nur Ärgern.

Aufgepasst bei diesen Phrasen!

Natürlich darf man nicht pauschalisieren. Es kommt immer auf den Kontext an und darauf, was noch in der Ausschreibung steht. Allerdings lohnt es sich bei einigen Phrasen genau hinzuschauen – und meiner Erfahrung nach sind das die folgenden:

“Leidenschaftliche Texter gesucht”

Bah, wie ich das sowas von nicht mehr hören/sehen kann. Sobald eine Formulierung mit “leidenschaftlich” auftaucht, spare ich mir die Zeit, die ich andernfalls in eine Bewerbung stecken würde. Leidenschaftlich bedeutet für die meisten Auftraggeber, dass ihr euren Job so gerne macht, dass man euch dafür gerne auch richtig scheiße zahlen darf, weil ihr ja von Luft und Liebe lebt. Weil ihr ja ohnehin von zuhause aus arbeitet (was dann natürlich ganz automatisch auch gaaar nichts kostet) und liebend gern die Nacht durcharbeitet, sind dann meist ganz großzügige Wortpreise mit einer solchen Ausschreibung verbunden. 1 – 2 Cent pro Wort eben. Am besten brutto. Dass man davon nicht leben kann, sollte inzwischen auch dem Letzten klar geworden sein.

“Ideal für Studenten/Hausfrauen/Rentner geeignet”

Bei dieser Formulierung bekomme ich sooooo einen Hals. Und das gleich aus mehreren Gründen. Denn diese Formulierung suggeriert:

1. Der Job ist so easy peasy, dass ihn jeder machen kann. Dabei kommen dann Texte raus, die nie auf die Menschheit losgelassen werden sollten, denn den Job kann eben nicht jeder machen.

2. Studenten, Hausfrauen und Rentner freuen sich natürlich über einen kleinen Zusatzverdienst. Abends mehrere Stunden tippen und am Ende vom Monat 250 Euro aufs Konto überwiesen zu bekommen, klingt natürlich ganz nett. Ist es nicht. Es ist in den meisten Fällen schlichtweg Ausbeutung. 1-2 Cent pro Wort sind NICHT OKAY, auch nicht als “netter Nebenverdienst”. Egal, ob Übersetzung oder Texterstellung.

3. Was für Studenten, Hausfrauen und Rentner trotz Ausbeutung vielleicht ganz nett klingt, ist für diejenigen, die das hauptberuflich machen, die Hölle. Wieso sollen Auftraggeber uns zu Konditionen beauftragen, von denen wir leben und vielleicht sogar eine Familie ernähren können, wenn jemand anderes, der sich vielleicht nur ein kleines Taschengeld dazuverdienen möchte und anderweitig gut über die Runden kommt, das viel, viel billiger macht? Wer selbständig tätig ist, kann weder von 1-2 Cent pro Wort noch von 15 Euro auf die Stunde leben. Ich rechne gerne mal an anderer Stelle vor, mit welchen Kosten wir uns monatlich herumschlagen müssen.

“Keine Erfahrung nötig”

Da sind wir auch wieder bei den Jobs, die sich an Studenten, Hausfrauen und Rentner richten. Versteht mich nicht falsch. Natürlich gibt es die glänzende Ausnahme, die durchaus ordentliche Texte und Übersetzungen abliefern kann. Wer sagt denn, dass die Hausfrau nicht mal Übersetzen studiert hat? Und es gibt natürlich auch Jobs, für die man keine Erfahrung benötigt (Spoiler: Übersetzen und Texten gehört nicht dazu!). Aber es bleibt genau das: eine Ausnahme. Wenn für einen Job keine Erfahrung nötig ist, dann geht man in einer Ausschreibung wieder auf die Jagd nach Leuten, die man schamlos ausnutzen kann. Schlechte Bezahlung ist hier abzusehen. Schaut also wirklich ganz genau hin, auf was ihr euch da einlasst.

“Freelancer in Teilzeit / für 20 Stunden die Woche”

F-I-N-G-E-R W-E-G !!! Ihr handelt euch nur Ärger ein. Zum einen ist die Formulierung “Freelancer in Teilzeit” schon kritisch, denn das lässt auf mögliche Scheinselbständigkeit schließen. Derartige Ausschreibungen liegen derzeit offenbar im Trend, denn in jüngster Vergangenheit kommen sie mir immer wieder unter. Nichts spricht dagegen, ein bestimmtes Pensum von Stunden pro Monat für einen Auftraggeber zu reservieren, aber eine Zusammenarbeit, die unter der Prämisse “Freelancer in Teilzeit” läuft, muss schon sehr genau geprüft werden, im Zweifelsfall mit rechtlicher Beratung, denn Scheinselbständigkeit ist kein Spaß!

Lässt man den Verdacht auf Scheinselbständigkeit außen vor, tut ihr euch weder finanziell noch zeitlich einen Gefallen. 20 Stunden pro Woche ist ein ordentlicher Brocken. In dieser Zeit steht ihr keinen weiteren Kunden zur Verfügung. Kommt mal ein größerer Auftrag mit enger Deadline rein, werdet ihr schnell rotieren. Eure übrigen Aufträge müsst ihr also geschickt managen, sonst dreht ihr auf Dauer am Rad. Und, ja, in letzter Zeit lese ich sogar immer häufiger von “Freelancern für 30-40 Stunden die Woche”. Einfach unglaublich …

“Hohes Auftragsvolumen garantiert”

Wie eingangs bereits geschrieben, darf man nicht pauschalisieren, aber meist ist ein “garantiert hohes Auftragsvolumen” eine Entschuldigung für eine schlechte Zahlung. Häufig handelt es sich hierbei um Aufträge, bei denen täglich mehrere tausend Wörter abzuliefern sind. Dafür gibt es dann 1-2 Cent pro Wort.

Gerade am Anfang mag es ja ganz verlockend klingen, aber ihr werdet früher oder später nicht einen, sondern gleich mehrere Punkte erreichen:

  • Konstant einen Output zu liefern, wie er bei dieser Art von Aufträgen gefordert wird, ist auf Dauer unmöglich.
  • Ihr blockiert euch erneut zu viel Zeit für nur einen einzigen Auftrag. Das führt zum einen dazu, dass die Auftragslage anderweitig dünn ist, ihr aber auch ein Problem haben werdet, solltet ihr diesen Auftraggeber verlieren.
  • Die wenigsten werden von diesen Preisen leben können – geschweige denn unternehmerisch wachsen. Kommt ihr mit solchen Aufträgen über die Runden, werdet ihr ins Straucheln geraten, sowie ihr eine unvorhergesehene Ausgabe habt. Spätestens dann werdet ihr erkennen, dass ein “garantiert hohes Auftragsvolumen” nicht alles ist.

Was sollten Auftraggeber beachten?

Vielen seriösen Auftraggebern ist gar nicht bewusst, dass sie bei ihrer Ausschreibung womöglich in eine solche Falle tappen. Deshalb ist klare, transparente Kommunikation auch in der Auftragsausschreibung schon besonders wichtig. Wer ein dauerhaft ein hohes Auftragsvolumen garantieren kann und zugleich eine angemessene Bezahlung bietet, sollte einen Weg finden, das auch auszudrücken – oder noch besser: bereit sein, den Preis zu zahlen, den der Freelancer für seine Arbeit verlangt.

Auch bei der Überschrift eurer Ausschreibung solltet ihr als Auftraggeber bereits auf eine passende Wortwahl achten. Ich persönlich klicke zum Beispiel in Anzeige gar nicht mehr rein, in denen “Leidenschaftlicher Texter gesucht” steht. Solltet ihr tatsächlich Texter suchen, die das lieben, worüber sie schreiben sollen, dann gibt es auch elegantere Möglichkeiten, das auszudrücken. Wie wäre es zum Beispiel mit einem “Texter mit liebevoll gepflegter Comic-Sammlung” oder einem “RGB-begeisterten Blogger mit Schwäche für starke CPUs”? Natürlich mit dem unhandlichen (m/w/d) versehen. Wir wollen ja auch rechtlich in keine Falle tappen.

Habt ihr ähnliche No-Go-Phrasen? Oder habt ihr andere Erfahrungen gemacht? Lasst mir gerne einen Kommentar da. Ich bin gespannt auf eure Erfahrungen.

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